13.03.2012

ernüchternd...

zur zeit lese ich mit meinen kids friedrich dürrenmatts "besuch der alten dame". am ende des ersten aktes macht die besagte alte (claire) dem verarmten örtchen güllen ein verlockendes angebot: töten die güllener ill,  claires jugendfreund, der sie mies hintergangen hatte, schenkt sie den einwohnern eine milliarde.

die kids hatten nun den auftrag gruppen zu bilden, das angebot zu diskutieren, eine pro-und-contra-liste zu erstellen und sich am ende auf ein eindeutiges JA (er sollte getötet werden) oder NEIN (ill sollte nicht getötet werden) zu einigen, welches sie vor mir und den anderen begründet präsentieren mussten.

von 27 stimmen tatsächlich 23 mit JA - des geldes und der rache wegen, zitate?

"eine person weniger ist besser für das dorf."
"das ist ein vorteil für das dorf."
"die familie könnte seine sachen erben."
"besser einer stirbt als mehrere."
"sein tod wäre ok, hauptsache besseres leben."
"der wiederaufbau der stadt ist wichtiger."
"selbst schuld, hat's nicht anders verdient."

usw.

hmmm, wir haben ewig lang darüber diskutiert, die 23 blieben bei ihrer ansicht, ihn zu töten sei richtig und unproblematisch - ich bin schockiert. und entsetzt. und ernüchtert.

herzlich re

Kommentare:

  1. Das ist sehr interessant, da sieht man´s mal!
    Bist Du Lehrerin?
    Viele liebe Grüße
    Yvonne

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  2. Es ist wirklich schockierend.
    Mich wundert es immer wieder, welchen Stellenwert das Geld bei uns erreicht hat(nicht nur bei den Jungen übrigens). Es steht bei vielen über fast allem. Bedenklich.
    Dabei sollte man doch mit der Zeit merken, dass wirklich Wertvolles meistens nicht mit Geld zu kaufen ist.

    Liebe Grüsse
    Resunad

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    1. stimmt. und trotzdem, sie sind noch jung. und unerfahren. und manchmal auch etwas denkfaul. und: ihnen werden täglich beispiele dafür geliefert, dass ihr denken so falsch gar nicht ist... herzlich re

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  3. Ernüchternd ist die Tatsache, dass scheinbar alle Kids Banker oder Manager werden wollen. Im Blut haben sie jedenfalls schon das Gedankengut, dass uns die Grossen der Wirtschaft tagtäglich vormachen.

    Wahnsinn,... aber ich muss sagen, dass die Lektüre es in sich hat. Nicht einfach,... nicht einfach...! Interessant wäre auch zu wissen, wie man als Pädagoge darauf angemessen reagiert! Kann man das? Sollte man das? Muss man das?

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    1. also die mehrheit meiner kids möchte weder banker noch manager werden, aber etwas, das nicht oft arbeiten muss und dabei ganz viel geld verdient... wie gesagt, noch jung. und unerfahren und manchmal auch etwas denkfaul.

      mag sein, aber immer einfach wäre ja langweilig und wenig fördernd. möchte da nicht für alle pädagogen reden. ich für meinen teil finde schon, dass ich reagieren darf/soll/muss; nachfragen, zuhören, mitteilen, diskutieren, neu überdenken etc. etc. - und manchmal bringt's sogar was...

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  4. Entsetzt, schockiert und ernüchtert - bin ich im ersten Moment auch. Wobei ich mich frage, wie alt die "Kids" sind?

    Abhängig vom Alter kann der Gedanke vielleicht noch zu abstrakt sein... rede ich mir zumindest gerade ein. ;)

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    1. 16 und ja, das sag ich mir auch. wer weiss schon was wäre, wenn wenn wäre... lg re

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  5. Das Buch haben wir in der achten Klasse gelesen - was nunmehr 14 Jahre her ist. Damals gab es noch mehr Empathie, zumindest waren wir einhellig der Meinung, dass Mord niemals die Endlösung sein kann. Bis heute eines meiner Lieblingsbücher.

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    1. völlig einverstanden und auch eines meiner lieblingsbücher...

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